Sommerbrief von Hakon

Liebe Leser,

im Mai habe ich meinen Lehrgang am Krameterhof begonnen. Wir sind etwa 20 Leute aus der Schweiz, Österreich und Deutschland. Einmal im Monat kommen wir für vier Tage zusammen. Zu Beginn erzählte uns Josef Andreas – er ist der Sohn von Sepp Holzer und Leiter des Lehrgangs – über die Philosophie der Permakultur. Wir lernten etwas über Wälder, alte und moderne Waldnutzungsformen. Josef machte einen kleinen Rundgang mit uns und zeigte Teiche, Erdkeller und seine vielen Tiere. Danach beschäftigten wir uns zwei Tage mit Obst und lernten das Veredeln. Im Juni haben wir Pilze vermehrt, erfuhren über den Körperbau der Pflanzen (Pflanzenphysiologie), ihre Erkennungsmerkmale und welche Rückschlüsse sie auf die Bodenbeschaffenheit zulassen (Zeigerpflanzen). Außerdem besprachen wir die Bodenschichten (Geologie), wann Quellen austreten und wie man das Wasser auf dem eigenen Land sammelt und hält (Wasserretention). Am letzten Tag bauten wir auf großen Tischen ein maßstabsgetreues Modell aus sandiger Erde. Nach der Fertigstellung hatte jede Gruppe ein Abbild des Grundstücks vor sich und überlegte, wie man es gestalten und nutzen könnte.

Woher kommt das Wort Permakultur? David Holmgren und der Australier Bill Mollison haben es in den 70er Jahren aus ›permanent agriculture‹ (dauerhafte Landwirtschaft) zusammengesetzt. Schon 1910 schrieb Cyril George Hopkins ein Buch mit dem Titel ›Soil Fertility and Permanent Agriculture‹ (Bodenfruchtbarkeit und dauerhafte Landwirtschaft). Franklin Hiram King veröffentlichte 1911 ›Farmers of Forty Centuries (or) Permanent Agriculture in China, Korea and Japan‹ (Bauern von 40 Jahrhunderten (oder) dauerhafte Landwirtschaft in China, Korea und Japan). Für mich ist Kultur das, was daraus entsteht, wenn der Mensch eine Beziehung mit der Natur eingeht. Ob eine Kultur von Bestand sein kann, messe ich an den Honigbienen: sterben die Bienen, stirbt die Kultur. Was ich also hoffe am Krameterhof mitnehmen zu können, sind Impulse, wie man die Samen für eine neue, dauerhafte Kultur sät.

Im Mai hat jeder von uns zwei Apfelbäume veredelt. Aber was ist Veredeln? Das ist, wenn man zwei Pflanzen oder Pflanzenteile miteinander verbindet und so zum Verwachsen bringt. Aus zwei Bäumen wird einer, denn von nun an teilen sich beide den Saftstrom.

Nur warum veredelt man einen Apfel? Wenn man einen Trieb von einem Klarapfel schneidet und auf ein zwei Jahre altes Apfelbäumchen verpflanzt, beide miteinander verwachsen, erhält man von diesem veredelten Baum eines Tages gleiche Früchte wie vom alten Baum. So ist die Eignung als Tafelobst, zum Dörren, Schnaps brennen und anderen Zwecken bekannt, die Lagerfähigkeit, aber auch die Größe und Form des Baumes. Es werden über 20.000 Sorten weltweit kultiviert und erhalten durch Veredlung. In der Hälfte der Neuzüchtungen allerdings steckt der Apfel Golden Delicious, und der Boskoop ist die einzige Marktsorte, die mit Sicherheit nicht von einer der sechs großen Zuchtsorten abstammt. Leute, die Äpfel nicht vertragen, können aber möglicherweise andere, alte Apfelsorten essen.

Apfelbäume werden von Honigbienen, Hummeln, Schwebfliegen und einigen solitären (einzeln lebenden) Bienenarten bestäubt. Hat man verschiedene Sorten Äpfel im Garten, kreuzen sich die Bäume; die reifenden Früchte sehen dann zwar gleich aus, die kleinen Samen darin sind jedoch anders. Genau genommen ist ein Obstgarten aus ein und derselben veredelten Sorte eine fragliche Sache. Die meisten Äpfel bilden – bis auf wenige Ausnahmen – Früchte, wenn sie mit dem Pollen eines anderen Apfelbaumes bestäubt werden (Fremdbefruchter). Da aber alle Gravensteiner untereinander, Klaräpfel und wie sie alle heißen, gleich sind, können sie sich nicht befruchten.

Es heißt, bei der Zucht einer neuen Sorte werde nach 20 Jahren eines von etwa 10.000 Bäumchen auserkoren; ein Großteil komme schon deshalb nicht infrage, weil er krank sei. Warum? Ich habe zuerst erörtert, was passiert sein könnte, und danach recherchiert, was über die Geschichte des Apfels bekannt ist:

Nehmen wir einmal an, es gab einen vollkommenen Urapfel, der zur rechten Zeit Früchte gab, die dem Menschen bekamen und heilsam für ihn waren. Es sind gesunde, langlebige Bäume, die über ihre Samen weitervermehrt werden können. Ihre Nachkommen geben den Eltern ähnelnde Früchte; sie haben sich nur ein klein wenig angepasst, so wenig, wie es in einem ausgewogenen Lebensraum notwendig ist. Für die Nachkommen der Menschen, die in diesem Raum leben, sind die neuen Früchte ideal, denn auch der Mensch verändert sich, und zwar gemeinsam mit dem Lebensraum, der den Menschen nährt und der gleichsam vom Menschen mitgestaltet wird.

1.) Jemand könnte auf die Idee gekommen sein, einen Wildapfel mit dem Urapfel zu kreuzen. Daraus entstand eine Vielzahl von Äpfeln mit unterschiedlichen Eigenschaften, die nur durch Veredlung erhalten werden konnten. Das wäre eine Erklärung dafür, dass der Kulturapfel in so unterschiedlichen Formen und Farben erscheinen kann.

2.) Der Urapfel verschwand mit der Zeit, weil er sich mit den neuen Bäumen kreuzte und nicht erhalten werden konnte.

3.) Der hier heimische Wildapfel (Malus sylvestris) ist nicht Ursprung der Kulturäpfel, vielmehr handelt es sich um eine verwilderte Kreuzung. Soweit die Überlegungen. Hier nochmal der heutige Zustand der kultivierten Apfelsorten: Viele Bäume werden keine hundert Jahre alt. Wenn der Stamm gefällt wird, ist er bereits verpilzt; das Holz selbst jüngerer Apfelbäume ist daher für die Pilzzucht nicht geeignet. Manche Kulturäpfel (mit triploidem Chromosomensatz) produzieren zu wenig Pollen, für eine optimale Bestäubung wird die Pflanzung eines Wildapfels empfohlen. Auf Apfelplantagen werden 20 mal pro Jahr und öfter Insekten-, Pilz- und Krautvernichter (Pestizide) gespritzt. Der Einsatz der Chemiekeule lässt Rückschlüsse auf die Vitalität der Pflanzen zu …

Die Suche nach der Herkunft der Kulturäpfel und der Leute, die sie kultivierten, ist schwierig. Bücherverbrennungen und Brandlegungen in Bibliotheken ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1989 reisten westliche Forscher auf Einladung nach Kasachstan. Im Tianshangebirge (die natürliche Grenze zu China) trafen sie auf ausgedehnte Apfelwälder: Hier wuchsen kräftige Bäume mit bis zu 2 m Stammdurchmesser. Manche waren über 300 Jahre alt und erreichten eine Höhe von 30 m. 10 Jahre alte Pflanzen warfen bereits eine halbe Tonne Obst. Die Früchte mancher Bäume wurden 7 cm groß, und das ohne Rückschnitt und andere Eingriffe, wie hier praktiziert. Da gab es Saure, Bittere und Süße, Kleine und Große, einige hätte man sofort auf dem Markt verkaufen können. Der Name dieses Apfels ist Malus siversii (Kasachischer Wildapfel) und nach neueren Untersuchungen sind die Apfelwälder in Kasachstan die Wiege des Kulturapfels.

Die Sumerer (4000 v. Chr.) sollen die Kunst des Veredelns beherrscht haben. Die früheste erhaltene Schrift über die Existenz und Nutzung des Apfels ist eine Tontafel von 2370 v. Chr. in sumerischer Keilschrift. Der Kasachische Wildapfel soll über die Assyrer, Ägypter und Perser im 4. Jh. v. Chr. nach Griechenland gekommen sein. Auf diesem Weg könnten andere Wildarten eingekreuzt und der Kulturapfel entstanden sein. In Rom gab es viele veredelte Sorten, deren Namen erhalten geblieben sind. Von da war der Weg zu den Germanen nicht mehr lang. Die gezielte Zucht der Äpfel, bei der ausgewählte Sorten eingekreuzt werden, ist keine 200 Jahre alt. In den letzten 1500 Jahren dürfte sich daher auch der pollenreiche Holzapfel (Malus sylvestris) mit dem Kulturapfel vermischt haben. Die älteste erhaltene Sorte ist der Edelborsdorfer (1170 n. Chr. erwähnt).

Jetzt beschreibe ich, wie man sich Apfelbäume für den eigenen Garten veredeln kann. Als erstes braucht man die Unterlage – einen aus dem Samen gekeimten Apfelbaum, kurz Sämling. Man kann ihn im Winter in einer Obstbaumschule kaufen (im Frühjahr steigt der Preis) oder selbst ziehen. Am einfachsten ist es, sich den Presskuchen (Trester) vom Saften zu holen und ihn irgendwo auszustreuen. Unter den Sämlingen von der Baumschule bekommt man den Bittenfelderapfel. Er ist eine besondere Ausnahme unter den Kultursorten, weil er selbstfruchtbar ist: Äpfel reifen auch bei Bestäubung durch den eigenen Pollen. Der Bittenfelder soll robust sein, aufveredelte Sorten gut annehmen und schön wachsen. Sein Wuchs ist berechenbarer, weil der Vater ebenfalls Bittenfelder ist – oder sein kann. Eine andere Möglichkeit ist der Holzapfel (Malus sylvestris): Äpfel werden von Bären gefressen, wandern durch seinen sauren Magen und werden an anderer Stelle wieder ausgeschieden. Dadurch verliert der Samen seinen Keimschutz und sprießt. Der Keimschutz wird vom Apfelbaum vor der Fruchtreife als Letztes eingebaut. Für die Sämlinge bietet es sich an, Früchte zu ernten, die noch nicht voll ausgereift sind, deren Kerne aber schon braun sind. Man entfernt die Samen, sammelt sie in einem Strumpf und hängt sie zwei Wochen in Jauche (Eimer Wasser, Grünzeug hinein und warten, bis es stinkt). Durch die Säure verliert der Samen den Keimschutz. Anschließend sät man sie auf einer kahlen Fläche aus. Nach den Winterfrösten können die Samen keimen. Die guten Pflanzen setzt man an die Stelle um, an der eines Tages der Apfelbaum stehen soll. Im Alter von zwei Jahren kann man das Bäumchen veredeln. Jetzt wird ein schöner einjähriger Trieb von der gewünschten Sorte benötigt; den schneidet man im Januar oder Februar. Er soll gerade gewachsen, 40 – 50 cm lang und von einem gesunden Baum stammen. Ein gestutzter Baum kann in einem Jahr bis zu 3 m lange Triebe schießen (Wassertrieb); sie sind eher ungeeignet. Die geschnittenen Edelreiser (Triebe) lagert man dunkel und bei Temperaturen um den Gefrierpunkt ein. Zwischen Februar und April, so lange Unterlage und Edelreis nicht austreiben, kann man die Veredlung vornehmen. Man braucht eine Gartenschere mit Gegenklinge (Achtung: Es gibt auch Ambosscheren; Quetschungen sind nicht gut), ein einseitig geschliffenes und frisch gewetztes Messer, ein Veredlungsgummi oder Weidenbast und Wachs. Für die Veredlung wählt man einen trüben Tag. Zunächst schneidet man vom Edelreis oben und unten ein paar Zentimeter weg. Die weiteren Schritte habe ich zunächst an anderen Hölzern geübt. Das Bäumchen, unsere Unterlage, wird in 15 cm Höhe abgeschnitten. Alle Schnittstellen sollte man nicht berühren, weil Fett das Zusammenwachsen verhindert. Wenn das Bäumchen jetzt gleich dick ist wie das Edelreis an seiner Unterseite, macht man mit dem Messer einen geraden, 3 – 4 cm langen Schnitt an Baum und Edelreis. Auf der länglich-ovalen Schnittfläche sieht man rundherum den Rand aus Rinde, dann einen grünen Ring und das Holz. Grün ist die Wachstumsschicht, das Kambium. Jetzt muss man beide Hölzer aufeinanderlegen und anprobieren. Es sollte so viel Kambium wie möglich aufeinanderliegen, denn hier wachsen die beiden zu einer Pflanze zusammen. Nun kommt das Gummi zum Einsatz, mit dem das Ganze straff umwickelt wird, bis die Veredlungsstelle nicht mehr zu sehen ist. Das ist die Kopulationsmethode. Wenn alles geklappt hat, zählt man am Edelreis drei Augen (Knospen) ab. Knapp über dem dritten wird abgeschnitten. Damit das Holz nicht austrocknet, wird ein bisschen Wachs auf die Schnittstelle aufgetragen.

Wahrscheinlich aber ist der Sämling, auf den wir veredeln möchten, schon dicker als der Trieb der gewünschten Sorte. Dann muss man anschäften: Der Sämling wird nur am Rand angeschnitten und das Edelreis aufgelegt. Nach dem Verbinden muss auch die offene Schnittfläche an der Veredlungsstelle mit Wachs geschlossen werden. Hinweis: Das Edelreis sollte an der obersten Stelle etwas überlappen, damit die gekappte Stelle an der Unterlage schnell verheilt; Wachs sollte aber drauf.

Wenn das Bäumchen später oben austreibt, hat die Veredlung geklappt. Man sollte die austreibenden Blätter der Unterlage im ersten Jahr nicht entfernen. Man achte aber darauf, dass sie nicht über das Edelreis hinauswachsen, damit ihm der Saft zugute kommt. Falls die Veredlung misslingen sollte, ist die Unterlage nicht verloren, man kann es ein Jahr später erneut versuchen. Der übrige Teil des Edelreises, der oberhalb der drei Augen abgeschnitten wurde, kann für weitere Bäume verwendet werden. Sinnvoll ist auch die wasserfeste Beschriftung der Bäumchen.

In manchen Situationen bieten sich andere Unterlagen an. Man kann nicht nur Äpfel innerhalb ihrer Gattung auf andere Sorten und Arten veredeln, sondern auch innerhalb ihrer Familie, der Familie der Rosengewächse. Den beiden Vortragenden am Krameterhof, Michael und Richard, ist es gelungen, 150 km oberhalb der Apfelgrenze in Schweden Frühäpfel auf wildwachsende Ebereschen (Sorbus aucuparia) zu veredeln. Auf kalkigen Böden wächst die Mehlbeere (Sorbus aria), die sich möglicherweise ebenfalls eignet. Wenn Rehverbiss droht, könnte man Äpfel auf Ebereschen (bittere Rinde) oder Weißdorn (stachelig) veredeln. Die Veredlungsstelle müsste in diesem Fall deutlich weiter oben liegen.

Viele liebe Grüße
Hakon

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